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Eine gewisse Tendenz

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MAI
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25.05.2013 20:00 - 23:00
Dominik Plangger @ 11-line Potsdam

MAI
27

27.05.2013 19:45 - 22:45
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MAI
30

30.05.2013
3. PARADIESVOGELFEST

JUN
08

08.06.2013 18:00 - 21:00
Wölfe mitten im Mai. Ein Degenhardt-Abend.

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Quantensingularität

nachtgeschwisterVon den Grenzen der (deutschen) Sprache

Natascha Wodins „Nachtgeschwister" ist das erste Buch seit Langem, an dem ich, nachdem ich es aus der Schutzfolie schälte, erst einmal gerochen habe. Ganz sicher war das weder publizistische Absicht, noch ist es kulturkritisch von Belang, dass ich den spezifischen Geruch frisch gedruckter Bücher liebe; jenen typischen Geruch, den moderne Printmethoden mittlerweile so selten gemacht haben. Aber die Tatsache, dass ich zuerst an dem Buch roch, einem wortlosen, instinktiven Sinn zuerst nachging, legte sich vor die Besprechung von „Nachtgeschwister" wie ein Omen.

In diesem Buch erzählt die Autorin von „Die gläserne Stadt", „Erfindung einer Liebe" und „Einmal lebte ich" die, eindeutig autobiografische, deutsch-deutsche Geschichte eines langen und qualvollen Scheiterns zweier Menschen an sich selbst und vor allem des Scheiterns an ihrer Beziehung zueinander.

Zwei Charaktere, beide gezeichnet vom Stigma des Ungeborenen, des nicht ins Leben Getretenen, stürzen kopfüber in den Sog einer selbstzerstörerischen Bindung und kommen bis zuletzt nicht voneinander los; jede Hoffnung auf ein Ende dieser Verstrickung wird in und von der Geschichte immer und immer wieder gnadenlos zunichte gemacht. Von der ersten Zeile an findet sich der Leser im Sog dieser Obsession - ob einer Sprache, deren Dichte eine Schwere evoziert, der man, so überhaupt, schwer nur entrinnen kann. Ohne je überfrachtet zu sein, ist Wodins Sprache eine bis zum Bersten übervolle. Hinter der teils lakonischen, teils reflektiven Didaktik lauert das nicht (Be-)Nennbare, das sich in „Nachtgeschwister" erst zwischen den Protagonisten Bahn bricht - um sich dann über sie und den Leser gleichermaßen herzumachen. Und dies in einer Intensität, die jede Distanz unmittelbar gen Intimität verschlingt. Der Sog eines Elementes, das an der ureigenen Masse zu vergehen droht.

Selten hat es dafür solche Sprache gegeben. Fast mag man ihr misstrauen, sucht den doppelten Boden, nimmt kritisch Fährte auf. Deutsch eignet sich kaum für die Schilderung seelischer Abgründe verschlingenden Ausmaßes, so alltäglich sie auch sein mögen. Tatsächlich hat die Autorin diesen steilen Grat in einer Form begangen, die man - so wird einem schlagartig bewusst - gewöhnlich auf Kroatisch (oder in einer anderen slawischen Sprache) gelesen hätte. Russisch hätte das Unnennbare benannt, Kroatisch hätte der Quantensingularität Seelennamen gekannt, den „Wahrnamen" des uralten Drachen. Hätte die, auf kleinstem Raum geballte, Uferlosigkeit ans Licht gebracht, „dem (Un)Ding" einen Begriff gegeben. Das Deutsche aber lässt uns mit Namenlosigkeit über Namenlosigkeit zurück und setzt so den Inhalt auch stilistisch in Szene. Als ein Ringen um Sprache, nicht das Ringen mit ihr. Dieser Kampf generiert Antworten, denen wir lange nachhorchen. Ohne ihrer begrifflich habhaft werden zu können. Der Ereignishorizont dieser höchst authentischen Sprache wirft sie noch vor den Fragen aus. Und legt offen, dass diese Fragen längst im Leser vorhanden, ja: zentral sind. Wodin gibt Antworten, die wir zwar verstehen, aber niemandem sonst mitteilen können. Vielleicht da sie einer Welt angehören, die üblicherweise nicht erlesbar ist. Zurück bleibt, unbenennbar wie ein intensiver Duft, die Empfindung, dass auch wir - nicht nur die Protagonistin - etwas Großes gelesen haben.

Natascha Wodin: „Nachtgeschwister"

Roman, Verlag Antje Kunstmann

ISBN 978-3-88897-560-8

http://www.kunstmann.de/

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